In diesem Blog möchte ich von meinem Projekt erzählen, das mich seit einiger Zeit in Spannung und Atem hält: über meinen Vater Carl Friedrich von Weizsäcker entsteht ein Dokumentarfilm. Als Motto habe ich einen Lieblingsbegriff meines Vaters gewählt: Kreisgang. Das bezieht sich sowohl auf meinen Vater und seine Philosophie – wie auf mich, die ich seinen Spuren nachgehe.

Ein Film über deinen Vater – das ist doch uferlos, willst du das wirklich? So kam es mir oft entgegen, wenn ich von unserm Vorhaben erzählte. Aber wir haben angefangen und sind inzwischen schon fast fertig – wir: das sind im wesentlichen Konrad, mein Mann, Barbara Robra mit der Kamera und als Cutterin, Eva Maria Weerts mit ihrer Erfahrung als Filmproduzentin und ich.

Die Udo Keller Stiftung Forum Humanum hat den Film „Kreisgang“ ins Netz gestellt, und er kann auf ihrer Website angeschaut werden. Der Anlass ist die Gründung einer Carl Friedrich von Weizsäcker Stiftungsprofessur an der Universität Tübingen, die von der Stiftung Forum Humanum gesponsert wird. Am Montag, 17. Juni um 17 Uhr wird dort Prof. Dr. Reinhard Kahle, der auf diese Professur berufen wurde seine Antrittsvorlesung halten. Zu meiner Freude wird aus diesem Anlass mein Film „Kreisgang“ an die Studierenden verteilt; großzügiger weise hat die Stiftung 250 Exemplare der DVD zu diesem Zweck neu herstellen lassen. Ziel der neuen Professur ist es ein internationales „College of Fellows“ ins Leben zu rufen, das vor allem junge Wissenschaftler aus aller Welt nach Tübingen zum Austausch und gemeinsamer Arbeit bringen soll. Dabei ist eine enge Zusammenarbeit mit dem Leibniz Kolleg und dem Forum Scientiarum geplant. In den Worten des Rektors der Universität Prof. Bernd Engler:
„Unser Ziel ist es, mit dem College eine Einrichtung zu schaffen, die als kreatives und lebendiges Zentrum des wissenschaftlichen Austauschs kluge Köpfe aus aller Welt anlockt und die Universität Tübingen in ihrer Gesamtheit befruchtet“.
Mein Vater hat das Leibniz Kolleg in Tübingen immer besonders geschätzt und unterstützt, hat dort viele Vorträge und Vorlesungen gehalten und wäre sicher glücklich, wenn er von dieser Stiftungsprofessur hören würde. Vielleicht schaut er ja aus dem Himmel zu!

Das ist die Gelegenheit einige Jungendbilder meines Vaters aus dem Film und aus Familienalben zu zeigen, die aus seiner eigenen frühen wissenschaftlichen Zeit stammen:

Einige weitere Vorführungen des Films sind in diesem Jahr geplant:
Montag, 27. Mai um 17:15 im Physikalischen Institut der Albert-Ludwigs-Universitaet Freiburg, Hermann-Herder-Str. 3, D-79104 Freiburg
Freitag, 14. Juni bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienst in Berlin
Montag, 17. Juni um 17 Uhr in der Alten Aula der Universität Tübingen, Münzgasse 30
Mittwoch, 26. Juni um 18 Uhr im Hörsaal ESA W221 im Hauptgebäude der Universität Hamburg. Mein Vater hatte dort von 1957 bis 1969 den Ernst Cassirer Lehrstuhl für Philosophie inne.
Dienstag, 22. Oktober abends in Birkenwerder bei Berlin
Mittwoch, 13. November abends in Söcking bei Starnberg in der Evangelischen Gemeinde, zu der meine Eltern viele Jahre gehörten

Es gibt eine zweite Auflage des Films!

Angesichts des großen Interesses am „Kreisgang“ haben wir eine zweite Auflage gemacht, die leicht verändert ist:
1. Die 2. Auflage enthält nur 2 DVDs: eine Lang- und eine Kurzfassung des Films. Beide Fassungen sind leicht erweitert, die Kurzfassung enthält nun auch die Passagen über die Besuche meines Vaters in der DDR und die Langfassung enthält auch den Abschnitt über das Institut in Starnberg. Dadurch eignet sich die Kurzfassung sehr gut für öffentliche Vorführungen in Akademien, Gemeinden, Schulen oder andern Bildungseinrichtungen, die Langfassung eher für den privaten Gebrauch.
2. Wir haben bei der 2. Auflage auf die englischen Untertitel verzichtet, die herzustellen sehr aufwändig und teuer gewesen wären. Ich habe noch einen Karton der 1. Auflage für Interessenten, die die Untertitel gern dabei haben möchten.

Die Kassette mit allen drei DVDs kann man für 18,00 € bestellen bei:
Elisabeth Raiser, e-mail: elisabeth.raiser@arcor.de
In der Schweiz für 20,00 CHF bei:
Barbara Robra, e-mail: brobra@bluewin.ch

Nächste vorläufige Termine für Aufführungen des Films mit anschließender Diskussion sind:
Dienstag, 30. Oktober um 18 Uhr bei der öffentlichen Jahresversammlung des Leopoldina Akademie Freundeskreises in Halle: Jägerberg 1, 06108 Halle/Saale
Donnerstag, 8. November um 19 Uhr in der Matthäusgemeinde in Gerlingen bei Stuttgart: Dietrich Bonhoeffer Platz 3, 70839 Gerlingen
Montag, 7. Januar um 19:15 in Basel: Evangelisch-Lutherische Kirche Basel und Nordwestschweiz, Friedensgasse 57, 4056 Basel
Samstag, 19. Januar 2019 abends im Möckernkiez: Möckernkiez 2, 10963 Berlin. Der Termin ist noch nicht bestätigt.
Montag, 27. Mai 2019 um 17:15 im Physikalischen Kolloquium der Universität in Freiburg/Breisgau.
Ein Abend wird in Köln, einer in Mettmann und einer in Jena stattfinden – die Daten liegen noch nicht fest.

Am 9.10. konnte ich den Film in Wellingsbüttel zeigen, wo meine Eltern von 1957 bis 1969 gelebt haben. Ein paar Jahre war es auch mein Heimatort. Für mich war es schön, mein früheres Zuhause wiederzusehen. Es war eine sehr lebendige Veranstaltung mit vielen anschließenden Diskussionsthemen von der Physik über die Philosophie bis zur Atombewaffnung damals und heute und der Sicherheitspolitik im Allgemeinen.

Im November kann ich den Film in Gerlingen zeigen. Mein Vater war mit der Solitude in Gerlingen familiär eng verbunden: während seiner Kindheit verbrachte er hier bei seinen Großeltern Graevenitz viele Wochen. Später lebte auf der Solitude in Gerlingen sein Onkel der Bildhauer Fritz von Graevenitz mit seiner Frau Jutta, die eine bekannte Psychotherapeutin in Stuttgart war und die beide meinen Eltern sehr nahe standen. Auch Irmgard Bosch, eine Cousine meines Vaters lebt noch hier.

Nach vielen Monaten Sendepause im Blog und vielen Aufführungen des Films wieder ein Eintrag! Zunächst einige neue Daten: der Film „Kreisgang“ wird gezeigt am

Freitag, 22. Juni um 19:30 beim Pfarrhaustreff in Diedersdorf, Evangelische Kirchengemeinden Dahlewitz und Diedersdorf Alte Dorfstr. 38, 14979 Großbeeren (Ortsteil Diedersdorf)
Montag, 3. September abends in der Evangelischen Akademie Frankfurt, Römerberg 9, 60311 Frankfurt/M.
Montag, 10. September, 19:30 in der Kleinen Synagoge, Fischmarkt 1, 99084 Erfurt
Dienstag, 11. September, 19:30 im Haus Eichkamp, Zikadenweg 42a, 14055 Berlin
Dienstag, 9. Oktober, 19:30 im Gemeindehaus Wellingsbüttel, Up de Worth 25, Hamburg-Wellingsbüttel
Samstag, 3. November oder Montag, 5. November (Datum wird noch festgelegt), 19:30 in der Matthäuskirche, Dietrich-Bonhoeffer Platz 3, 70839 Gerlingen

Natürlich freue ich mich über lebhaften Besuch! Die bisherigen Aufführungen waren für mich meist sehr bewegend, vor allem wegen der anschließenden oft sehr engagierten Diskussionen über die Rolle meines Vaters in der NS Zeit, über die Frage, was Weltinnenpolitik heute bedeutet, über Kriegsgefahren und Friedenssicherung heute, auch über die Familie Weizsäcker, über Zwang und Verstrickung von Wissenschaftlern und Künstlern in autoritären Regimen usw.

Mein Vater hat im Sommer 1945 aus Farmhall in England, wo er mit Werner Heisenberg, Otto Hahn und andern Atomwissenschaftlern für 6 Monate interniert war, an meine Mutter einen aufschlussreichen Brief über ihre Arbeiten im Uranverein geschrieben. Es folgt ein Faksimile von 2 Seiten dieses Briefes. Leider sind nur sie erhalten, 1 oder 2 weitere Seiten fehlen. Die Schrift ist sehr klein, aber wenn man sie etwas vergrößert gut lesbar!

Der Film „Kreisgang“ hat nun schon einige Runden gemacht. Im neuen Jahr sind bisher folgende Aufführungen geplant, zu denen ich selber kommen werde:

Freitag, 12. Januar um 19 Uhr in der Lutherischen Kirche in Genf, Place Bourg du Four. Wir zeigen den Film hier mit englischen Untertiteln
Sonntag, 21. Januar als Matinée um 11 Uhr im Kino Abaton am Grindelhof in Hamburg. Dazu lädt die Udo Keller Stiftung Forum Humanum ein
Mittwoch, 14. Februar um 18 Uhr in der Melanchthonkirche auf der Bult, Menschingstraße 12, Hannover
Dienstag, 27. Februar um 19:30 im Gemeindehaus der Wichern-Radelandgemeinde in Spandau, Wichernstr. 14, 13581 Berlin-Spandau
Dienstag, 4. September in der Evangelischen Akademie Frankfurt, Römerberg 9, 60311 Frankfurt/M. (Uhrzeit wird noch bekannt gegeben)

Ich möchte heute ein paar Limericks meines Vaters zum Besten geben – er hätte gesagt: ad optimum dare. Einige davon sind Familiengut geworden und werden gern zitiert. Hier ein paar Beispiele, die mit österreichischen Landschaften und Städten zu tun haben, durch die man kommen kann, wenn man auf die Alm fährt. „Schuster und Schneider“ heißen zwei Berge oberhalb von Obermauern im Osttirol, nah bei der Alm.

Als der Großmaharadscha von Hyderabad
Des Nachts seine Schuhe und Kleider ab hat,
Da verlor er im Harem
Seinen Vorrat an Barem
Jetzt sucht er bei Schuster und Schneider Rabatt.

Ein Straßenkehrer in Bregenz,
Dem fehlte der Eifer des Fegens.
Zur Rede gestellt
Spricht unser Held:
"Überlegen'S, in Bregenz, da regent's"

Ein Friseur ging von Schlanders nach Schluderns
Zu erlernen die Künste des Puderns
Da sagt er in Schlanders
Da pudern's ganz anders
Denn wissen's in Schlanders da schludern's.

Mit diesen unverkennbaren CF Versen wünsche ich euch/uns allen ein gesundes, gutes Jahr 2018!

In den kommenden Wochen und Monaten wird es einige öffentliche Aufführungen des Films Kreisgang geben. Hier die Daten und Orte:

Freitag, 3. November, 19 Uhr im Gemeindesaal von S. Nikolai, Reformationsplatz 8 in Berlin-Spandau
Mittwoch, 8. November, 19 Uhr im Gemeindesaal der Evangelischen Friedensgemeinde, Ecke Tannebergallee/Teufelsseestraße in Berlin Charlottenburg
Sonntag, 12. November, 11 Uhr im Bayrischen Hof in Starnberg für die ehemaligen Mitarbeitenden des Max Planck Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen in der wissenschaftlich-technischen Welt
Montag, 13. November, 20 Uhr in der Martin Luther Kirche, Bahnhofstraße 25 in Mössingen
Mittwoch, 15. November, 20 Uhr im „Lamm“, Am Markt 7 in Tübingen
Sonntag, 21. Januar 2018, 11 Uhr im Kino „Abaton“ Allendeplatz 3/Ecke Grindelhof in Hamburg

Ich freue mich natürlich über Besucher und Besucherinnen dieser Veranstaltungen! Es gibt jeweils anschließend an die Vorführung des Films Zeit zum Gespräch. Ich werde überall persönlich anwesend sein und ich freue mich auf lebhafte Diskussionen.

Die DVD „Kreisgang“ ist da!

Es gibt seit kurzem eine kleine Kassette mit drei DVDs:

I. Die lange Fassung des Films „Kreisgang“ (90 Minuten) über meinen Vater mit persönlichen Erinnerungen von Familienmitgliedern, ehemaligen Kollegen und Kolleginnen meines Vaters und mit spannenden Äußerungen von Politikern und Politikerinnen zu seinem öffentlichen Wirken vor allem in der Friedensfrage. Auch die große Wirkung seiner Vorträge in der Leopoldina in und in der Evangelischen Studentengemeinde in Halle (ehemalige DDR), die das Ihre zur friedlichen Revolution beigetragen hat, wird hier thematisiert. Bei der DVD I kann man optional englische Untertitel einblenden.

II. Eine kürzere Fassung von 45 Minuten, die sich für Unterrichtszwecke eignen könnte mit kurzen Kapiteln zu Weizsäckers physikalischen Arbeiten, seiner Mitarbeit im Uranverein während der NS Zeit, dem 1963 von ihm geprägten Begriff der Weltinnenpolitik, dem von ihm und Jürgen Habermas geleiteten Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen in der technisch wissenschaftlichen Welt, der Bedeutung der Religion und des Konziliaren Prozesses Gerechtigkeit Frieden Bewahrung der Schöpfung und schließlich seiner Arbeit an der ‚Urtheorie‘. Auch bei der DVD II sind optional englische Untertitel vorhanden.

III. Eine 90 minütige DVD mit sog. Extras, d.h. Gesprächsausschnitten aus den zahlreichen Interviews, die ich für den Film gemacht habe. Sie sind ebenfalls in Kapitel gegliedert: Physik und Quantentheorie; Entwicklung der A-Bombe; Kernenergie und die Verantwortung der Wissenschaft; Göttinger Erklärung 1957 und ‚Mit der Bombe leben‘; Weltinnenpolitik; DDR; Philosophie und Kreisgang; Vorlesungen in Hamburg; Freundschaft; Alm; Religion; Das „Große Lalula“ von Christian Morgenstern. Diese DVD ist nur deutsch ohne englische Untertitel.

Die Kassette mit allen drei DVDs kann man für 18,00 € bestellen bei:

Eva Maria Weerts, e-mail: EWeerts@t-online.de oder bei

Elisabeth Raiser, e-mail: elisabeth.raiser@arcor.de

In der Schweiz für 20,00 CHF bei:

Barbara Robra, e-mail: brobra@bluewin.ch

Viel Freude und viel Nachdenklichkeit beim Anschauen wünsche ich euch allen!
Elisabeth

Im letzten Blog gab es einige Bilder von der Alm – nun ein paar Erinnerungen an die Alm von zwei Enkelkindern.

Ferienzeit! Erinnerungen an die Alm, von der schon die Rede war... Hier sind ein paar ältere und neuere Bilder dieses schönen Orts in Osttirol und seiner Ferienbewohner.

Regelmässig war mein Vater in der ehemaligen DDR. Seine Vorträge waren immer gut besucht und eine Inspiration für viele vor allem jüngere Menschen.

Prof. Dr. Dorothea Frede, Aristotelesforscherin und Nach-Nachfolgerin meines Vaters auf dem Ernst Cassirer Lehrstuhl in Hamburg, studierte Anfang der 60er Jahre in der Hansestadt und erzählt über die Platonvorlesung meines Vaters.

Viele schöne Rückmeldungen auf den Film feuen mich sehr. Eine Freundin sagte: „Nachgetragene Liebe und unverstellte Ehrlichkeit“ – das trifft meinen eigenen Wunsch bei der Entstehung dieses Films – vielen Dank für dies Votum!
Hier ein Ausschnitt aus dem Film, in dem mein Vater von dem Einfluss des Tänzers und Künstlers Alastair auf ihn in der NS Zeit erzählt – die seidenen Tücher symbolisieren die wallenden seidenen Gewänder in denen sich Alastair, mit bürgerlichem Namen Hans Henning von Voigt, zu kleiden pflegte. Mir scheint diese Freundschaft meines Vaters heute fast nicht nachvollziehbar – aber die dreißiger Jahre brachten solche Beziehungen vielfältig hervor, auch die Vorstellung von Geheimorden war verbreitet. Man muss das historisch sehen und nicht zu schnell abtun.

Vor 5 Jahren habe ich anlässlich der Anbringung einer Plakette am Physikalischen Institut der Universität Göttingen eine Gedenkrede auf meinen Vater gehalten, die auf youtube zu hören und zu lesen ist. Damals hatte ich zum ersten Mal die Idee auch einen Film über ihn zu machen.

Vor 10 Tagen fand in Göttingen die Premiere des Films in der Großen Aula der Universität statt. Er bildete den Abschluss zu einer Festveranstaltung zu 60 Jahren Göttinger Erklärung, die mein Vater initiiert und formuliert hatte. Wir hatten einen vollen Saal, was natürlich sehr erfreulich war!

Die nächste Vorführung des Films findet beim Kirchentag in Berlin statt: Am Donnerstag, 25. Mai um 19 Uhr im Messegelände, Gebäude „Großer Stern“ (Halle 11), Raum Hong Kong. Er dauert 90 Minuten.
Während der Arbeit am Film habe ich viel über die Rolle meines Vaters in der NS Zeit recherchiert und nachgedacht.

Gedanken der Tochter

Mein Vater hat uns oft von der Zeit im NS erzählt. Er schilderte, wie erleichtert er war, als er beim Uranverein mitarbeiten konnte und damit vom Dienst an der Front befreit war. Das gleiche galt für seine Kollegen. Sie hatten eine enge und gute Zusammenarbeit - vor allem Heisenberg, Karl Wirtz und er.

Eine weitere Erleichterung kam im Sommer 1941, als sie herausgefunden hatten, dass im Prinzip der Bau einer Bombe möglich war, sie es während des Krieges jedoch unmöglich schaffen würden sie zu bauen, da sie nicht genügend Uran und nicht genügend schweres Wasser zur Verfügung hatten. Daher war ihnen damals schon klar, dass sie nur an der Entwicklung eines Reaktors arbeiten wollten. Im Herbst 1941 ergab sich die Möglichkeit für Heisenberg und CF nach Kopenhagen zu reisen, um ihren verehrten Lehrer Niels Bohr wiederzutreffen. Nach CF’s Erzählung wollten sie ihn davon überzeugen, dass er die Tatsache, dass sie nicht an der Bombe arbeiteten, in die USA und nach England weitergeben sollte – denn sie selber hatten wegen des Krieges keine Verbindung in diese Länder, wogegen Dänemark von Deutschland besetzt war und daher noch erreichbar für sie. Außerdem hätten die Amerikaner und Engländer ihnen ja sicher nicht geglaubt, denn sie lebten in dem verfeindeten und mit ihnen im Krieg befindlichen Deutschland. Aber das Gespräch mit Bohr ging vollkommen schief. Er hatte verstanden, sie wollten ihn zu einer Mitarbeit am deutschen Atombombenprojekt gewinnen. Für meinen Vater war das, wie er an etlichen Stellen später schrieb und sagte, ganz unverständlich bis er von seinem russischen Kollegen Leonid Feinberg eine Version des Treffens in Kopenhagen hörte, die ihm Aufschluss gab: Bohr hat Feinberg erzählt, dass Heisenberg das Gespräch mit der Bitte angefangen habe, Bohr solle doch mit der deutschen Botschaft und den deutschen Besatzungsbehörden Kontakt pflegen und nicht ablehnen, denn sie wollten ihn vor Übergriffen der SS schützen. Das hat Bohr sofort entrüstet, und er interpretierte dann Heisenbergs Bericht darüber, dass er und seine Kollegen im Uranverein an Atomenergiefragen arbeiteten, sofort als Aufforderung auch da mitzuarbeiten – in seinem Verständnis also an der Bombe mitzuarbeiten.

Ich konnte und wollte diese Version nicht anzweifeln, fand die Geschichte außerdem sehr spannend und logisch. Dann kam die Veröffentlichung der Farmhall Protokolle und zehn Jahre später die Publikation der von Bohr entworfenen aber nie abgeschickten Briefe an Heisenberg nach diesem verpatzten Treffen. Auf diese Veröffentlichungen folgten viele kritische Stimmen über Heisenberg und meinen Vater. Für mich war es ein Anstoß, erneut der Frage nach der Rolle meines Vaters im NS nachzugehen. Unsere Generation kann sich ja aus dieser Frage nicht heraushalten, vor allem, wenn das ursprüngliche Narrativ ins Wanken gerät. Ich machte mich also auf die Suche, und stellte fest, dass es eine weitgehende wissenschaftshistorische Forschung dazu gibt. Die zeithistorischen Quellen sind naturgemäß sehr mager, denn diese Forschungen waren hoch geheim, und man hütete sich, die eigene Meinung zum Regime, vor allem wenn sie kritisch war, zu Papier zu bringen. Im Gegenteil, man musste sich tarnen. Zu einem endgültigen Ergebnis und Urteil über meinen Vater kann ich trotz aller Bemühungen nicht kommen. So versuche ich in dem Film die Ambivalenz in meines Vaters Verhalten in der NS Zeit zu zeigen - eine Ambivalenz, die wie ich meine typisch war für eine breite Schicht von Wissenschaftlern und Intellektuellen in dieser vergifteten Zeit. Mein Vater versuchte sicher in der NS Zeit, wissenschaftlich etwas Außergewöhnliches zu leisten. Der Uranverein, der zunächst dem Heereswaffenamt unterstand und daher sicher nicht „unschuldig“ und wissenschaftlich neutral arbeiten konnte, bot ihm die Gelegenheit dazu, die er gern nutzte – auch, weil sie ihn von Kriegsdienst, zu dem er bereits eingezogen war, befreite. Er hatte sogar den Ehrgeiz, Hitler mit seinem Wissen zu beeinflussen und zu einer Friedenspolitik zu überreden - ein wie er selber im späten Rückblick sagte, verrückter Plan, wobei er Hitler und den NS vollkommen falsch einschätzte. In diesem Wunsch, Einfluss zu gewinnen, aber auch in der Hoffnung, den Uranverein in seiner Wichtigkeit aufrecht zu erhalten, lieferte er mehrere Berichte an das Heereswaffenamt über Ergebnisse ihrer Forschung in der Atomenergie ab. Das kann man als Anpassung an das verbrecherische System interpretieren. Auf der andern Seite ist er der Partei nicht beigetreten und hätte den Ruf als außerordentlicher Professor für theoretische Physik an der Straßburger Universität beinahe nicht bekommen, weil er „politisch nicht genügend aktiv“ war, wie ein Gutachten aus Berlin vermerkt. Er glaubte nicht an die NS Ideologie, er verurteilte die Verfolgung der Juden - und sei es auch nur, weil viele seiner besten und engsten Kollegen und Freunde wie Eduard Teller oder Viktor Weißkopf das Land verlassen mussten. Er hat vergeblich versucht, die Mutter seines Schulfreundes Hans Friedensohn vor der Deportation zu retten. Aber als er 1942 von Kollegen von der Erschießung von 35 000 Juden in Babi Jar erfuhr, hat er sich nicht bemüht mehr über das Schicksal der Juden in den besetzten Gebieten zu informieren. Das hat er sich später selber zum Vorwurf gemacht. Er sagte im Rückblick auf sein Leben von sich, er sei ein eher ängstlicher Mensch, das zeigt sich in diesem Verhalten – es war wohl auch einfach Selbsterhaltungstrieb, denn von den Judenvernichtung zu wissen und darüber zu reden, konnte einen leicht ins KZ bringen.

Mein Vater war kein Held. Er hat keinen aktiven Widerstand geleistet wie einige seiner Freunde und Bekannten, Albrecht Haushofer oder Ulrich von Hassel. Er hat Deutschland nicht verlassen, sondern blieb auch unter dem verbrecherischen Regime hier. Das führte dazu, dass er sich bis zu einem gewissen Grad kompromittierte, um wissenschaftlich arbeiten und unsere Familie ernähren zu können. Aber wie hätte ich mich verhalten – hätte ich den Mut gehabt in den Widerstand zu gehen, wenn das im KZ oder im Tod hätte enden können? Hätte ich das Land verlassen und wäre in die ungewisse Emigration gegangen? Ich verurteile meinen Vater nicht. Ich anerkenne im Gegenteil, dass er schon 1945 sich zu seiner Schuld bekannt hat und die Verantwortung für eine lebendige Demokratie und für die Erhaltung des Friedens nach dem Krieg voll übernommen hat. Sein politisches Engagement als Wissenschaftler und Friedensforscher, als Berater von Politikern wie Willy Brandt und Hans Jochen Vogel hat ihre Wurzeln in seiner eigenen Rolle in der NS Zeit. Er hat diesem politischen Engagement sehr viel Zeit und Kraft geopfert, die er seiner Wissenschaft entziehen musste. Es war ein Opfer, und er hat es nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Sorge um unsere Gesellschaft und die Zukunft der Menschheit gebracht. Dafür war und bleibe ich ihm dankbar.

Ein Almerlebnis schildert auch Erika Kienel, mit der ich oft in den Herbstferien dort war.

Heute ist der 10. Todestags meines Vaters - und heute ist der Film über ihn fertig geworden. Ich bin dankbar einen Teil seines Vermächtnisses auf diese Weise weitertragen zu können.

Sehr wichtig war für meine Eltern die Alm in Osttirol, die sie 1961 erworben und dann zu einem sehr gemütlichen Ferienhaus ausgebaut haben. Hier versammelten sich die Kinderfamilien im Sommer und hier war der Großvater auch für die Enkelkinder greifbar und nah. Die Enkelin Elisabeth erzählt davon.

Übrigens: Der Film wird auch beim Kirchentag in Berlin gezeigt: Donnerstag, 25. Mai um 19 Uhr im Messegelände, dort im Großen Stern, Raum Hong Kong. Als angemeldeter Kirchentagsbesucher kann man ohne weiteres dazukommen, als Gast mit einem kleinen Eintritt.

Unsere Interviewpartner wie z.B. Hans Jochen Vogel, auch Egon Bahr oder andere haben immer wieder nach der Haltung meines Vaters zur Energiepolitik gestellt. In der Göttinger Erklärung von 1957, mit der sich 18 Atomphysiker gegen die atomare Aufrüstung der Bundeswehr wandten, steht als letzter Satz: „Gleichzeitig betonen wir, dass es äußerst wichtig ist, die friedliche Nutzung der Kernenergie mit allen Mitteln zu fördern, und wir wollen an dieser Aufgabe wie bisher mitwirken.“ Wie das dann weiterging, erzählt mein Bruder Carl Christian, der selbst Ökonom ist.

Der Film ist gerade fertig geworden – den letzten Schliff haben ihm Barbara Robra (Bild und Schnitt) und Cornelius Rapp (Ton) gegeben. Die Premiere findet am 3. Mai in der Alten Aula der Universität Göttingen am Wilhelmsplatz 1 statt und zwar im Rahmen einer Festveranstaltung zu 60 Jahren Göttinger Erklärung. Beginn: 18 Uhr mit einer Podiumsdiskussion und um 20:00 dann der Film. Die Veranstaltung ist öffentlich, aber man sollte sich anmelden unter: veranstaltungsmanagement@uni-goettingen.de

Vor zwei Jahren haben wir angefangen und haben zwei wichtige Politiker interviewt: Hans Jochen Vogel und Egon Bahr. Es war frappierend zu sehen, wie aktuell die Fragstellungen meines Vaters und der Politiker vor dreissig Jahren heute noch sind.

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